Ich will doch nur Dein Bestes!

Der Umgang mit Kindern stellt viele Eltern, Großeltern, aber auch Erzieher und Pädagogen beinahe täglich vor ganz besondere Herausforderungen. Gerade dann, wenn es  uns am Herzen liegt, dass wir in einer Haltung von Gleichwertigkeit und auf Augenhöhe bleiben.

In vielen Foren habe ich gelesen, wie schwer es für Eltern sein kann, Ihr Kind vor Schaden bewahren zu wollen, zum Beispiel in dem sie versuchen, ihren Kindern zu vermitteln, wie wichtig und notwendig das Zähneputzen für sie ist.

Da mich das ein oder andere Statement von Eltern sehr bewegt hat, möchte ich heute auf die in der Gewaltfreien Kommunikation verwendeten Begriffe von bestrafender und beschützender Anwendung von Macht eingehen bzw. deren Unterschiede deutlich machen.

Bestrafende Anwendung von Macht

Bestrafende Anwendung von MachtDie bestrafende Anwendung von Macht zielt darauf ab, Kindern auf Basis von Bestrafung zu lehren, dass das was sie getan oder gesagt haben nicht in Ordnung bzw. falsch ist. Durch die bloße Androhung oder auch Durchführung einer Bestrafung (z.B. ohne Essen ins Bett gehen, Fernsehverbot, Hausarrest usw.) wird versucht, das gewünschte Verhalten bei Kindern zu erreichen.

Beschützende Anwendung von Macht

Die beschützende Anwendung von Macht hingegen zielt ausschließlich darauf ab, Bedürfnisse zu schützen, die ohne ein Eingreifen akut in Mangel geraten würden.

Das vermutlich bekannteste Beispiel hierfür ist das 3-jährige Kind, das plötzlich versucht über eine vielbefahrene Straße zu laufen und unsanft von Mutter oder Vater zurückgehalten wird. Hierbei geht es um den Schutz des Lebens für das Kind. Eine Situation, die sicherlich für alle Nachvollziehbar ein akutes Eingreifen erfordert.

Was aber, wenn Kinder sich nicht die Zähneputzen möchten?
Wenn Sie nicht in den Kindergarten oder die Schule wollen?

Geraten nicht auch hier Bedürfnisse wie beispielsweise das nach Fürsorge akut in Mangel?
Was ist mit der (Zahn-)Gesundheit der Kinder?
Was ist mit dem Bedürfnis nach  Lernen?

Bevor ich auf diese Fragen eingehe, möchte ich Ihnen ein paar Punkte zur beschützenden Anwendung von Macht nennen, die meiner Meinung nach vieles schon klarer werden lassen.

Der Einsatz beschützender Anwendung von Macht kann zum Tragen kommen, wenn wir Bedürfnisse schützen wollen und

  1. keine Zeit mehr für ein Gespräch bleibt (z.B. akute Notsituation)
  2. ein Dialog, eine Verständigung nicht mehr möglich ist (z.B. Kind schreit und schlägt um sich)
  3. ein Dialog nicht mehr in der Qualität möglich ist, um die Bedürfnisse aller zu schützen und es uns überfordert, die Qualität wieder herzustellen

Bei den ersten beiden Punkten wird sehr deutlich, dass z.B. die allabendliche Situation beim Zähneputzen kein Szenario für den Einsatz beschützender Anwendung von Macht sein kann. Der dritte Punkt hat es jedoch in sich. Denn was ist, wenn Eltern beim abendlichen Ritual irgendwann völlig genervt und erschöpft sind, weil Ihr Kind die Zähne nicht putzen möchte? Vielleicht macht sich Hilflosigkeit breit und Sie fühlen sich ohnmächtig und wissen nicht mehr weiter…

Dabei geraten Ihre Bedürfnisse massiv in Mangel und der einzige Ausweg scheint der Einsatz von beschützender Anwendung von Macht. Aber…

Ist das wirklich der einzige Ausweg? Ist die Strategie, auf die beschützende Anwendung von Macht zurückzugreifen, das allerletzte Mittel?

Worum geht es Ihnen wirklich, wenn Ihr Kind schreit und tobt, weil es nicht in die Schule will oder das Zähneputzen verweigert? Ist es wirklich das Bedürfnis nach Fürsorge oder brauchen Sie im Grunde genommen gerade Ruhe, Verständnis und das Gesehen wird wie sehr Ihnen das Wohlergehen Ihrer Kinder am Herzen liegt?

  • Deshalb prüfen Sie bitte zuerst, welches Bedürfnis tatsächlich so in Mangel gerät, dass Sie den Einsatz von beschützender Anwendung von Macht in Betracht ziehen.
  • Stellen Sie sich selbst auf den Prüfstand und hinterfragen Sie Ihre Absicht hinter der angedachten Handlung.
  • Fragen Sie sich, ob es in diesem Moment wirklich keinerlei andere Strategien (auch andere Personen) gibt, um diese Bedürfnisse zu erfüllen.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie auch mit dem Einsatz von beschützender Anwendung von Macht Gewalt ausüben und dabei Bedürfnisse Ihres Kindes in Mangel geraten.

Falls Sie in jedem der oben genannten Punkte zu dem Ergebnis kommen, es geht nicht anders, dann nutzen Sie zu einem späteren Zeitpunkt unbedingt die Möglichkeit mit Ihrem Kind über Ihre Absicht und Not hinter Ihrem Handeln zu sprechen. Seien Sie bereit, in eine neue Runde einzusteigen, sich gegenseitig Empathie für das Erlebte zu geben und gemeinsam nach neuen Wegen für eine gemeinsame Bedürfniserfüllung zu suchen.

 

 

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